Ali Uğurlu: Gefangene der Freiheit. Die paradoxe Welt von Kritik, politischer Ökonomie und Emanzipation im osmanischen Zeitalter des Kapitals

07.01.2026 | Vortrag | OI Istanbul | online und vor Ort

Vortrag, 7.1.2026, 19:00 Uhr
Orient-Institut Istanbul

Veranstaltungssprache: Englisch
Moderation: Christoph K. Neumann

Freiheit zählt zu den zentralen politischen Leitbegriffen der Moderne. In der Ideengeschichte und der Geschichte des politischen Denkens wird Freiheit jedoch überwiegend als ein genuin westliches politisches oder philosophisches Konzept verstanden; ihre Rezeption außerhalb Europas gilt dabei häufig lediglich als nachgeordnete, abgeleitete Entwicklung der Moderne. Nun ist unbestreitbar, dass das Freiheitsverständnis osmanischer Intellektueller im 19. Jahrhundert einen tiefgreifenden Wandel erfuhr und hürriyet/hurriyya zu einem zentralen Begriff eines politischen Vokabulars wurde, das parallel zu Konstitutionalismus und revolutionären Bewegungen entstand. In diesem Vortrag wird jedoch argumentiert, dass es sich dabei keineswegs um einen bloß derivativen Diskurs handelte. Vielmehr stand der Wandel osmanischer Freiheitsvorstellungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit dem Aufkommen kapitalistischer Sozialpraktiken als Gegenstand intellektueller Reflexion bei osmanischen Autoren, die auf Türkisch und Arabisch schrieben. Ausgehend von der Beziehung zwischen hürriyet und osmanischen Übersetzungen politökonomischer Texte zeigt der Vortrag, dass die zunehmende Präsenz von Freiheit als Motiv osmanischer Wissensproduktion Einblicke in ein zentrales Paradox der Moderne eröffnet: die Gleichzeitigkeit bislang ungeahnter emanzipatorischer Möglichkeiten und neuartiger Formen von Unfreiheit, die durch kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse hervorgebracht werden.

Ali M. Uğurlu ist Visiting Assistant Professor für Geschichte und nahost-Studien am Bard College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Verhältnis zwischen politischen Begriffen – ihrer Entstehung, Übersetzung und Neukonfiguration – und kapitalistischen gesellschaftlichen Transformationsprozessen im späten Osmanischen Reich und im modernen Nahen Osten. Seine kürzlich an der Columbia University abgeschlossene Dissertation ist eine ideengeschichtliche Studie zur Freiheit und konzentriert sich auf Intellektuelle, die im Übergang von imperialer Transformation zu nationalstaatlicher Formierung (1860er–1910er Jahre) auf Osmanisch-Türkisch und Arabisch – einige auch zwischen beiden Sprachen – schrieben. Der untersuchte Zeitraum ist geprägt von einem grundlegenden Wandel osmanischer Freiheitsvorstellungen und einer intensiven Auseinandersetzung mit einem Kernparadox der Moderne: dem Kapitalismus als Träger sowohl neuer emanzipatorischer Potenziale als auch grenzenlosen Leids. Am Bard College lehrt Ali M. Uğurlu unter anderem zur osmanischen Geschichte, zur Geschichte des modernen Nahen Ostens, zu Islam und Säkularismus, zu Revolutionen sowie zu kapitalistischen Gesellschaftstransformationen im Nahen Osten und darüber hinaus.

 

Die Veranstaltungssprache ist Englisch. Die Teilnahme ist kostenlos.
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VERANSTALTUNGSORT
Orient-Institut Istanbul
Galip Dede Cad. 65, Şahkulu Mah., TR – 34421 Istanbul
Tel: +90 212 293 60 67


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