Vortrag im Rahmen der Reihe »Les jeudis de l’Institut historique allemand«
Kommentar: Alexandre Escudier (Paris)
Wie lässt sich die demokratische Revolution von 1989/90 in die deutsche Demokratiegeschichte einordnen? Dreißig Jahre nach der Vereinigung gibt es einerseits eine zunehmend gemeinsam erfahrene und gestaltete Gegenwart; anderseits gibt es gerade in der politischen Kultur und Praxis nach wie vor signifikante Unterschiede in Ost und West. Zudem steht die Demokratie insgesamt unter Druck. Der politische Extremismus breitet sich aus, die Ära der Volksparteien geht zu Ende, antidemokratische Ressentiments gewinnen an Zustimmung. Wie ist es dazu gekommen?
Der Vortrag entfaltet die These, dass man die jüngere deutsche Geschichte nicht hinreichend verstehen kann, wenn man sie als je einseitige Demokratie- bzw. Diktaturgeschichte betrachtet. Auf Basis zahlreicher Dokumente wie Bürgerbriefen, Petitionen und Flugblättern ergründet er, welche Vorstellungen von Demokratie und Bürgersein es in der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren gab und wie diese nach 1989 konvergierten oder auch (weiterhin) divergierten. In dieser Perspektive einer politischen Kulturgeschichte »von unten« wird der Umbruch von 1989 erstmals als Kapitel einer gesamtdeutschen Demokratiegeschichte betrachtet. Sie zeigt, wie vielfältig und eigensinnig sich die Deutschen in Ost und West mit der Demokratie als Idee und Praxis auseinandersetzten – und welche Potentiale und Gefährdungen damit bis heute verbunden sind.
Vortrag mit Simultanübersetzung (Deutsch/Französisch)
Anmeldung für eine Teilnahme online: Zoom.
Organisiert durch das DHI Paris
Informationen: event@dhi-paris.fr.
18:00 - 20:00 Uhr