Jahrestagung der Max Weber Stiftung (MWS) – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, mit Beiträgen in englischer, französischer und deutscher Sprache (simultan übersetzt ins Deutsche bzw. Französische).
« La langue du monde, c’est la traduction. »
Barbara Cassin
Grundlage jeder Übersetzung ist die Verschiedenheit der Sprachen. Übersetzen bedeutet, das vertraute Terrain der »Muttersprache« zu verlassen, um sich in eine andere Sprache hineinzudenken. Übersetzen ist daher mehr als Dolmetschen, mehr als die bloße Übertragung von Information. Die gelungene Übersetzung soll Form und Bedeutung des Ausgangstextes bewahren, zugleich kann sie den fremdsprachigen Text in der eigenen Sprache jedoch nicht einfach verdoppeln: es bleibt ein Rest des Unübersetzbaren. Das sich daraus ergebende Spektrum des Übersetzens hat bereits Friedrich Schleiermacher in seiner Rede Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens (1813) skizziert: Soll es Ziel der Übersetzung sein, den fremdsprachigen Text in seiner Eigenart so getreu wie möglich zu reproduzieren? Oder soll die Übersetzung sich stärker an ihren Adressaten orientieren und den Ausgangstext entsprechend modifizieren? Geht es der Übersetzung also primär um die Bewahrung und Anerkennung von Alterität und Differenz? Oder soll sie den Ausgangstext den Konventionen der eigenen Sprache anpassen, ihn vielleicht sogar dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend umformulieren?
Diese Fragen und Herausforderungen reichen längst über den engeren Bereich der Sprache hinaus. »Um von einer Sprache in eine andere zu gelangen, müssen wir von einer Welt in eine andere gelangen«, schreibt die Philosophin Barbara Cassin. In den Geisteswissenschaften wird Übersetzung daher zunehmend als Verfahren verstanden, das mit der Verschiedenheit der Sprachen auch die Verschiedenheit von Begriffssystemen, Wissensordnungen und Weltanschauungen in den Blick nimmt. Begriffe wie »Nation« oder »Freiheit« haben nicht in allen Sprachen und Gesellschaften dieselbe Bedeutung. Konzepte einer Kultur lassen sich oftmals kaum im Denkraum einer anderen Kultur reproduzieren. Kategoriale Unterscheidungen wie diejenige zwischen »Natur« und »Kultur« besitzen ebenso wenig universale Gültigkeit wie die in den indoeuropäischen Sprachen gegebene Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Neben ihrem Potenzial an Austausch und Verständigung können Übersetzungen daher auch schwerwiegende Verkürzungen vornehmen, wenn sie nämlich komplexe Sachverhalte durch Simplifizierungen ersetzen. Wie also kann die Übersetzung auch demjenigen Rechnung tragen, was sich der einfachen Übertragung entzieht? Welche produktiven Irrwege und kreativen Missverständnisse ergeben sich im Vorgang des Übersetzens? Wo verlaufen die Grenzen zwischen der Übersetzung als einer Praxis der Gastfreundschaft und der Übersetzung als Ausdruck von Überlegenheit und Macht? Übersetzen bedeutet immer auch eine Konfrontation mit den Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen der eigenen Sprache und Kultur: Ohne Kenntnis anderer Sprachen versteht man auch die eigene nicht.
Referent*innen: Lena Bader (DFK Paris), Barbara Cassin (Académie française/CNRS Paris), Sandra Dahlke (MWN Osteuropa), Carolin Emcke (Berlin), Mechthild Fend (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Peter Geimer (DFK Paris), Jens-Peter Hanssen (OI Beirut), Anne Lafont (EHESS Paris), Simone Lässig (DHI Washington), Elissa Mailänder (Sciences Po, Paris),Olivier Mannoni (Paris), Nicole Marion Müller (DIJ Tokyo), Christoph Neumann (OI Istanbul), Klaus Oschema (DHI Paris), Vladislav Rjéoutski (DHI Paris/MWN Osteuropa), Magdalena Saryusz-Wolska (DHI Warschau), Sebastian Schwecke (MWF Delhi), Ossnat Sharon-Pinto (Universität Ben Gourion, Be’er Scheva), Patricia Casey Sutcliffe (DHI Washington), Petra Terhoeven (DHI Rom), Jozef van der Voort (GHI London), Franz Waldenberger (DIJ Tokyo), Stefan Weidner (Berlin), Annette Wieviorka (CNRS/CSA Paris).
