
Dampfschiffe fahren bis Spitzbergen, Touristenvereine werben mit unberührter Natur und die ersten grenzüberschreitenden Werbekampagnen entstehen. Wie sich der Tourismus in den skandinavischen Ländern in der Zwischenkriegszeit entwickelte und welche politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Debatten dieser Prozess zur Folge hatte, untersucht Dr. Sophie Holm vom MWN Osteuropa.
Schweden im Frühling 1937. Schüler*innen im ganzen Land schreiben ihr Schwedisch-Abitur. Unter den elf möglichen Aufsatzthemen: „Tourismus aus ökonomischer und kultureller Perspektive“. In der schwedischen Presse wird dieses Aufsatzthema später als einfach abgestempelt. Über Reisen und Tourismus, so meinten die Zeitungen, könne jeder etwas sagen. Über Tourismus zu schreiben, erschien vielleicht einfacher als einen Aufsatz über „Auffassungen von Glauben und Taten in der Geschichte des Christentums“ zu verfassen. Als Thema war Tourismus zu dem Zeitpunkt jedoch hochaktuell, sowohl in den Nachrichten, als auch in den Debatten der zeitgenössischen Presse. Das galt für Schweden ebenso wie für seine Nachbarländer im Norden. Gerade deshalb hat die schwedische Schulbehörde vermutlich gedacht, dass ein Thema zum Tourismus die Gesellschaftskenntnis der Schüler*innen testen könne. Aber wie und warum wurde der Tourismus in den skandinavischen Ländern (hier auch Finnland mit einbegriffen) in der Zwischenkriegszeit diskutiert?
Früher nördlicher Massentourismus
Im 19. Jahrhundert veränderten sich die Voraussetzungen des Reisens in bemerkenswerter Weise. Neue und immer schnellere Zuglinien verbanden immer mehr Städte miteinander. Dampfschiffe befuhren regelmäßige Seerouten und hatten eine wachsende Kreuzfahrtindustrie zur Folge. Viele Reiserouten führten nun auch in den Norden. Schon Ende des 19. Jahrhunderts steuerten Kreuzfahrtschiffe nicht nur Nordkap an, um die Mitternachtssonne zu bewundern, sondern fuhren sogar nach Spitzbergen und Island. Das finnische Dampfschiffunternehmen Finska Ångfartygs Aktiebolag vermarktete Finnland als Reiseziel „off the beaten track“ und der finnische Touristenverein empfahl das Land in einem Prospekt von 1909 für all jene, die dem „bustle and excitement of the continental seaside place“ entkommen wollten und „weary of the usual tourist routes“ waren.
Obwohl Reiseprospekte wie der von 1909 schon Andeutungen von überlaufenen Orten enthielten, kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht von modernem Massentourismus sprechen. Das änderte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Statistische Erhebungen von ausländischen Tourist*innen in Norwegen zeigen zum Beispiel einen Anstieg der Besuchenden – trotz Weltkrieg und globalen Wirtschaftskrisen. Von 20.827 Reisenden im Jahr 1902 stieg die Zahl zunächst auf 46.234 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg, auf 54.385 Ende der 20er Jahre und schließlich auf 164.184 Mitte der 30er Jahre.

Tourismus als Kulturbewegung für alle?
Mit der steigenden Anzahl von Reiserouten und Tourist*innen gründeten sich auch vermehrt Organisationen von und für Tourist*innen. In Norwegen wurde 1868 mit Den Norske Turistforening der erste skandinavische Touristenverein gegründet. Ungefähr zwanzig Jahre später kamen ein schwedischer (Svenska Turistföreningen, 1885), ein finnischer (Suomen Matkailijayhdistys / Turistföreningen i Finland, 1887) und dänischer Verein (Dansk Touristforening, 1889) dazu.
Während bisher viel zu Tourismus in der Zwischenkriegszeit als Gegenstand von politischen Bewegungen oder im Dienst eines autoritären Regimes geforscht wurde, hat sich die Tourismusgeschichte zuletzt auch für die Tätigkeit der Touristenvereine als selbständige Akteure interessiert. Der Historiker Mikael Frausing hat zum Beispiel auf das stark verbreitete Netzwerk lokaler Touristenvereine in Dänemark verwiesen: von 13 Vereinen am Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der lokalen Vereine auf mehr als 100 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Mitglieder der Lokalvereine engagierten sich unter anderem für das Kulturerbe und dafür, die Sehenswürdigkeiten vor Ort zugänglich und bekannt zu machen.
In Schweden war der nationale Touristenverein sehr erfolgreich und konnte im Jahr 1924 100.000 Mitglieder feiern – eine beindruckende Zahl für ein Land mit sechs Millionen Einwohner*innen. Obwohl der schwedische Verein einen akademischen Ruf hatte – sein langjähriger Sekretär Carl-Julius Anrick war promovierter Geograf – und sich traditionell an das Bildungsbürgertum richtete, bemühte er sich aktiv um neue Zielgruppen und verstand sich als „Kulturbewegung“ für alle.

Zusammenarbeit oder Konkurrenz?
In der Zwischenkriegszeit richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit zunehmend auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Tourismusorganisationen verschiedener Länder. Im Norden begann nach dem Ersten Weltkrieg eine formelle Kooperation zwischen mehreren Touristenvereinen und Verbänden der Reisebranche. Die skandinavischen Tourismusorganisationen wollten unter anderem das Reisen zwischen den skandinavischen Ländern fördern und erleichtern. Eine wichtige Entwicklung in dieser Richtung war die Abschaffung des Passzwangs im Jahr 1929, die den Tourismus zwischen den Ländern erheblich erleichterte. Dazu wollten die Tourismusorganisationen die skandinavischen Länder auch als ein einheitliches Reiseziel vermarkten, was nicht unkritisch von den einzelnen Akteuren aufgenommen wurde. Da Vergnügungsreisen im Aufschwung waren, wurde die Konkurrenz als immer härter empfunden. Die skandinavischen Länder führten dennoch mehrere gemeinsame Werbekampagnen durch, vor allem in den USA. In den 1930er Jahren organisierten die skandinavischen Tourismusorganisationen außerdem zwei große Tourismuskonferenzen, wo aktuelle und gemeinsame Themen des Reisens diskutiert wurden.

Zerstört oder rettet der Tourismus die (Um)Welt?
Unter den Themen, die bei Konferenzen, in der Presse und in den Jahresschriften der Touristenvereine debattiert wurden, gab es mehrere Fragen, die das Dasein des Tourismus in seinen Grundsätzen betreffen und immer noch aktuell erscheinen. Zum einem spielten die negativen Auswirkungen des Tourismus auf die Natur eine Rolle. Im Jahr 1927 brach zum Beispiel eine Debatte in der schwedischen Presse zwischen Vertreter*innen des Touristenvereins und des Naturschutzvereins aus. Letztere meinten, der Touristenverein würde die Nationalparks mit Tourist*innen füllen und letztendlich zerstören. Ebenso wurde die zunehmende Kreuzfahrtindustrie dafür kritisiert, die Orte entlang ihrer Routen eher zu belasten als sie ökonomisch zu unterstützen - eine Kritik, die heutigen Lesenden sicherlich bekannt vorkommt.
Darüber hinaus ging es um die Frage, ob der Tourismus im Stande wäre, ein größeres Verständnis zwischen den Bürger*innen verschiedener Staaten zu schaffen. So hat beispielsweise der Historiker Sune Bechmann Pedersen kürzlich die Gründung von mehreren internationalen Tourismusorganisationen in der Zwischenkriegszeit und den Diskurs über Tourismus und Frieden untersucht. In diesem Kontext waren auch die skandinavischen Tourismusorganisationen aktiv. Und diese Gedanken spiegelten sich in den Aufsätzen der Abiturient*innen von 1937. Durch das Reisen, schrieb eine Schülerin, steigere sich „das Verständnis für andere Meinungen und Denkweisen und für andere kulturelle Welten als die eigene“.
Weitere Beiträge zum Thema "Information und Wissen"