
Was hat ein Gemälde von einem fröhlichen Picknick mit sozialen Fragen am Übergang von der Neuzeit zur Moderne zu tun? In ihrem Habilitationsprojekt hat Elisabeth Fritz, stellvertretende Direktorin am DFK Paris, untersucht, wie man Bilder der Geselligkeit als Bilder von Gesellschaft verstehen kann.
Mitten im Grünen hat sich eine noble Gesellschaft auf dem Boden einer Lichtung niedergelassen. Die nahe Ansicht gibt den Blick auf ein weißes Tuch frei, auf dem Lebensmittel und Geschirr ausgebreitet sind. Die Zinnteller, Brotlaibe und eine große Pastete sind ebenso wie die prächtige Kleidung der Picknickgäste detailreich und in brillanten Farben gemalt. Die taillierten knielangen verzierten Jacken, üppigen Röcke und kurzen Hosen, Dreispitze und zarten Schuhe entsprechen der vor 300 Jahren in Europa typischen Jagdmode. Auch die am Rande der Szene wartenden Hunde und Pferde verweisen auf die Jagd als Anlass der geselligen Mahlzeit im Freien. Doch wird hier nicht die gewaltvolle und körperlich anstrengende Tätigkeit des Jagens selbst dargestellt, sondern eine friedliche und genussvolle Zusammenkunft im Anschluss. Durch das Sitzen auf der Erde, die lebendige Gestik zwischen den Figuren und ihre sich kreuzenden Blicke erhält die Szene einen informellen und vertraulichen Charakter.

Angesichts der edlen Kleidung, der Anwesenheit von Dienern links im Hintergrund sowie der im 18. Jahrhundert dem Adel vorbehaltenen Tätigkeit der Jagd könnte man vermuten, dass Nicolas Lancrets querformatiges Leinwandgemälde aus dem Pariser Musée du Louvre (Abb. 1) das Ideal einer hierarchisch gegliederten Standesgesellschaft vermittelt. Moderne demokratische Vorstellungen der Diversität, Teilhabe und gegenseitigen Rücksichtnahme scheinen hier so fern zu liegen wie der Ort des Picknicks vom städtischen Leben.
In meiner Forschung beschäftige ich mich mit den sogenannten Fêtes galantes („galante Feste“), einer in der Zeit von etwa 1710 bis 1740 sehr beliebten französischen Bildgattung. Zu ihren wichtigsten Vertretern zählen neben Nicolas Lancret sein viel bekannteres Vorbild Antoine Watteau sowie dessen Schüler Jean-Baptiste Pater. Ich habe verschiedene Darstellungen von Geselligkeit untersucht, die neben dem Picknicken auch das gemeinsame Musizieren, Promenieren, Tanzen oder Baden im Freien zeigen. Während diese Motive heute eher mit dem Impressionismus und der modernen Freizeitkultur ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden werden, sind die über hundert Jahre früher entstandenen Geselligkeitsbilder des Rokokos weniger bekannt. Von ihren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wurden derartige Gemälde aufgrund ihrer dekorativen Eigenschaften zwar geschätzt, jedoch als eher weltfremd, unernsthaft und somit für gesellschaftliche Fragen wenig relevant aufgefasst. Eine andere Perspektive eröffnet sich durch das Hinzuziehen soziologischer Theorien sowie begriffsgeschichtlicher Ansätze.
Gesellschaft als „Figuration“
Bilder sind nicht nur Produkte bestimmter sozialer Zusammenhänge, sie haben selbst aktiv am zwischenmenschlichen Handeln teil und prägen das Denken über Gesellschaft. Soziologen wie Georg Simmel oder Norbert Elias betrachten ihren Untersuchungsgegenstand auch als eine ästhetische Frage. Laut Simmel verhalten sich dabei Geselligkeit und Gesellschaft auf eine vergleichbare Weise zueinander wie Kunstwerke zur Realität: Sowohl die Geselligkeit wie auch das Kunstwerk würden die Bedeutung der Form über jene des Inhaltes stellen. Und wenn wir heute in Bezug auf soziale Gerechtigkeit von verschiedenen „Positionen“ und „Lagen“ sprechen, klingt die Vorstellung einer bildräumlichen Ordnung an, die an die Verteilung der Kompositionselemente auf einer Leinwand denken lässt.

Elias verwendete selbst ein Bild, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu veranschaulichen. Das dynamische Beziehungsgeflecht der „Figuration interdependenter Individuen“ (Abb. 2) erinnert an Darstellungen chemischer Ketten, deren individuelle Elemente durch unterschiedliche „Valenzen“ und „Sättigungen“ in immer wieder neue Verbindungen und Relationen zueinander treten. Jedes hinzugefügte Individuum verändert die Erscheinung der Gesamtkonstellation ebenso wie es erst durch die Bezüge zu den jeweils anderen seine konkrete Form erhält.
Das Picknick als soziales Modell
Vergleicht man Elias’ Illustration von gesellschaftlicher Figuration und Lancrets gemalte Picknickszene, so finden sich durchaus formale Gemeinsamkeiten. Die Gesten und Blicke der Figuren auf dem Gemälde aus dem Louvre bringen diese in ein ähnliches Verhältnis der gegenseitigen Bezugnahme und Verkettung wie bei dem soziologischen Modell. Ein Blick in die Begriffsgeschichte des 18. Jahrhunderts zeigt darüber hinaus, dass das Motiv des Picknicks selbst ein gesellschaftsbezogenes Thema ist.
Obwohl der Begriff „Picknick“ erst im 19. Jahrhundert breiter geläufig wurde, findet man bereits 1740 im Dictionnaire de l’Académie françoise den Eintrag „pique-nique“. Definiert wird diese besondere Mahlzeit jedoch nicht primär durch den Bezug zur Jagd oder das Essen auf dem Boden, sondern dadurch, dass jede Person ihren Anteil dazu leistet. Die deutsche Rezeption der französischen Geselligkeitskultur betont ebenfalls die Gegenseitigkeit der individuellen Beiträge sowie die daraus resultierende Abwechslung als zentrale Kennzeichen. So liest man in der 1748 bis 1750 herausgegebenen moralischen Wochenschrift Der Gesellige über das Picknick: „[…] jeder trägt das Seinige bey, […] und die Verschiedenheit der Speisen, der freundschaftliche Tausch einer Schüssel gegen die andere, und das Unvermuthete macht die Mahlzeit noch schmackhafter.“

Bei näherer Betrachtung des von Nicolas Lancret gemalten Picknicks sind es gerade der Austausch unter Gleichen und das gegenseitige Bedienen, welche die lebendige Dynamik des Bildes ausmachen. Auf anderen Werken aus dem gleichen Kontext werden sogar die tierischen Begleiter der Jagdgesellschaften in den gemeinsamen Genuss der Speisen miteinbezogen (Abb. 3). Als Modell für eine vielfältige und partizipative, dem Gegenüber zugewandte Form von sozialen Verhältnissen löst sich das Picknick von seinen alten Bezügen zur Jagd als ständisch geregelte Tätigkeit. So konnte es zur ästhetischen Leitfigur für eine soziale Ordnung der Gleichheit und des Zusammenhalts werden. Auf die Schönheit einer solchen „Gesellschaft im Freien“ schließt aus dem Vorbild des Picknicks auch Der Gesellige: „Wie angenehm und lebhaft würde nicht eine Gesellschaft seyn, in welche jedes Mitglied etwas brächte […]“.
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