„Global Color Lines“: Migrationspolitiken und rassistische Ausgrenzung am Ende des 19. Jahrhunderts

PD Dr. Jan Musekamp

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bildeten sich weltweit Migrations- und Ansiedlungspolitiken heraus, die im Kern noch heute Bestand haben. Jan Musekamp, stellvertretender Direktor am DHI Warschau, untersucht diese globalen Zusammenhänge anhand einer deutschsprachigen Gruppe aus der heutigen Ukraine, die sich im Baltikum, in Brasilien, Deutschland, Kanada und Sibirien ansiedelte.


Mitte der 1890er Jahre siedelte sich eine Gruppe Deutschsprachiger in der Nähe von Edmonton in Alberta/Kanada an. Die Siedler:innen stammten aus Wolhynien in der heutigen Ukraine, die damals Teil des Russländischen Reiches war. Leiter der Gruppe war der Prediger Andreas Lilge, der das neue Siedlungsgebiet zuvor ausgiebig erkundet und mit der kanadischen Regierung eine finanzielle Unterstützung der Schiffspassagen ausgehandelt hatte. Warum aber machten sich diese Menschen auf die beschwerliche Reise und gaben ihre gerade erst aufgebauten Höfe in Heimthal (Jasenivka)/Wolhynien auf und ließen einen Teil ihrer Familien zurück? Meine Forschung geht dieser Frage auf den Grund und bettet die exemplarischen Migrationswege dieser speziellen Gruppe aus Ostmitteleuropa ein in eine Globalgeschichte der Migrations- und Ansiedlungspolitiken am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

 

Deutschsprachige Siedlungen in Wolhynien

Die deutschsprachige Immigration in das Russländische Reich hat eine lange Tradition, die als Massenphänomen bis in die Zeit Katharinas der Großen im achtzehnten Jahrhundert zurückreicht. Die deutschsprachigen Dörfer in Wolhynien sind jedoch jüngeren Datums und entstanden erst in den 1860er Jahren. Die Siedler:innen stammten meist aus Polen, wo sie wenige Generationen zuvor aus Pommern oder Schlesien kommend gesiedelt hatten. Da Polen in dieser Zeit zum Russländischen Imperium gehörte, migrierten sie also innerhalb desselben Staates. In Wolhynien gründeten die deutschsprachigen Migrierenden Dörfer nicht ausschließlich als Landbesitzer:innen. Häufig pachteten sie das Land, auf dem sie siedelten, auch nur. Diese Tatsache trug mit dazu bei, dass ihnen eine spätere Emigration leichter fiel. Bis 1897 war ihre Zahl auf 171.000 angewachsen, womit sie nach ukrainisch-, jiddisch- und polnischsprachigen Menschen die viertgrößte Gruppe bildeten.

Rassistische und utilitaristische Kriterien in globalen Migrations- und Ansiedlungspolitiken

Ausgangspunkt meiner Forschung ist die Annahme, dass sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im globalen Maßstab staatlich festgesetzte Einwanderungs- und Ansiedlungspolitiken entwickelten, deren ideelle Grundlagen über Grenzen hinweg miteinander verbunden waren. Der US-amerikanische Bürgerrechtler, Soziologe und Historiker W.E.B. Du Bois hat für die dabei zum Tragen kommenden Ausgrenzungsmechanismen den Begriff „global color lines“ geprägt. Damit bezeichnete er eine Situation, in der konstruierte Vorstellungen von unterschiedlichen Hautfarben den Wert von Menschen bestimmten. Konkret beschrieb er die Diskriminierung von Afroamerikaner:innen und Asiat:innen in den USA, übertrug diese Feststellung aber auch auf globale Ausgrenzungsmechanismen. Wenn wir dies auf den Fall der Deutschsprachigen Wolhyniens übertragen, so stellen wir fest, dass antideutsche Politiken der russländischen Regierung ab den 1880er Jahren Ausgrenzungsmechanismen – color lines – etablierten, die die Rechte der Siedler:innen bezüglich Wehrdienst, Glaubensfreiheit und Landerwerb einschränkten. Diese Ausgrenzung veranlasste  viele von ihnen zur Emigration aus Wolhynien. Davon waren auch die oben erwähnten Bewohner:innen von Heimthal betroffen.

Das Beispiel Kanada

Deutschsprachige aus Heimthal siedelten sich 1894 und 1895 unter anderem in dem neugegründeten Ort Brüderfeld bei Edmonton an. Auf dem Gebiet der Siedlung hatte sich nur wenige Jahre zuvor das „Reservat Nr. 136“ der Papaschasee Cree befunden. Die kanadische Regierung hatte dieser indigenen Gruppe hier 1877 vertraglich Rechte zugesichert, die ihnen nur wenige Jahre später auf Druck der kanadisch-europäischen Siedlerlobby wieder entzogen wurden. Für die einheimische indigene Bevölkerung war im Sinne der „global color lines“ zu dieser Zeit in Kanada ebenso kein Platz wie für Einwander:innen aus Asien, die ab 1885 mit einer speziellen Kopfsteuer an der Immigration gehindert wurden. Deutschsprachige Siedler:innen hingegen wurden als „weiße“ Menschen privilegiert und machten von dieser Möglichkeit gerne Gebrauch. Ihre Siedlungen prägen bis heute die Region, während die indigenen Papaschasee Cree weiterhin um eine Entschädigung kämpfen.
Deutschsprachige aus Wolhynien zogen jedoch nicht nur nach Kanada. Während sie im Westen des Russländischen Reiches als „Deutsche“ diskriminiert wurden, waren sie in Sibirien und dem Fernen Osten des Reiches gerne gesehenes „europäisches Zivilisierungselement“. Ihre gezielte Anwerbung richtete sich gegen Immigrant:innen aus dem Chinesischen Reich und gegen die indigene Bevölkerung. Weitere deutschsprachige Gruppen zogen nach Brasilien, wo die Regierung 1890 Immigration aus Asien und Afrika ausgeschlossen hatte. Auch das Deutsche Reich warb um deutschsprachige Siedler:innen aus Wolhynien, betrieb die Regierung doch eine Germanisierungspolitik in ihren polnisch geprägten Ostprovinzen. 1885 erreichten diese Politiken mit der Deportation Zehntausender polnisch- und jüdischstämmiger Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft einen Höhepunkt. Diese Maßnahmen fügen sich damit ein in die zeitgleichen rassistischen Regelungen und Immigrationsgesetze in Brasilien, Kanada und dem Russländischen Reich.

Relevanz heute

Migrationspolitik ist dieser Tage wichtiges Schlagwort deutscher und amerikanischer Wahlkämpfe. Es scheint, als habe sich seit dem neunzehnten Jahrhundert nichts geändert: Auch weiterhin werden Migrant:innen weniger als Menschen, denn als Material betrachtet. So wird die Aufnahme von Geflüchteten aus einigen Ländern privilegiert, aus anderen wiederum stark eingeschränkt. Auch heute sind rassistische Ausgrenzung einerseits und relative Privilegierung andererseits global an der Tagesordnung. Beispielsweise wenn es um die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl geht, die Abwertung von Immigrant:innen aus Afrika und Asien als Wirtschaftsflüchtlinge und eine relative Besserstellung von Immigrant:innen aus der Ukraine. Die globalcolor lines sind auch einhundert Jahre nach der Prägung des Begriffs durch Du Bois weiterhin wirkmächtig und die Erforschung ihrer historischen Genese deshalb von hoher Aktualität.

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