Zwischen Verlust und Neubeginn: Strategien kurdischer Vertriebener zwischen Sur, Nusaybin und Berlin

İclal Ayşe Küçükkırca

Ein Zuhause bedeutet Identität und Zugehörigkeit – sein Verlust hinterlässt tiefe Spuren. In ihrer Forschung untersucht İclal Ayşe Küçükkırca am Orient-Institut Istanbul, wie Frauen aus der kurdischen Region der Türkei nach ihrer Vertreibung in Berlin neue Räume schaffen. Besonders Gärten gewinnen dabei unerwartete Bedeutung. Doch was geschieht, wenn selbst die Rückkehr in frühere Nachbarschaften kein Zuhause mehr bietet?

Ein eigenes Zuhause hat sozioökonomische, psychologische und politische Aspekte. Es repräsentiert Zugehörigkeit und Identität. Obdachlosigkeit, also das Fehlen eines solchen eigenen Zuhauses, ist jedoch ein weit verbreitetes Phänomen mit existenziellen und strukturellen Folgen und Ursachen. Weltweit gibt es etwa 100 Millionen Obdachlose, weitere 1,6 Milliarden Menschen verfügen nicht über angemessenen Wohnraum.

Meine Forschung beleuchtet die Herausforderungen, die sich aus der durch Vertreibung verursachten Obdachlosigkeit ergeben. Ich verstehe homemaking als eine Reihe von Empowerment- und Bewältigungsstrategien, die mit diesen Herausforderungen verbunden sind. Konkret konzentriere ich mich auf Frauen, die während der bewaffneten Konflikte in den Städten Sur und Nusaybin in der kurdischen Region der Türkei in den Jahren 2015 und 2016 ihre Häuser verlassen mussten und anschließend als Vertriebene nach Berlin kamen. Unter anderem zeigt meine Studie die Bedeutung von halbprivaten und halböffentlichen Orten wie Gärten für das homemaking nach der Vertreibung. Das folgende Zitat eines Vertriebenen aus Nusaybin ist ein Beispiel für die Bedeutung von Gärten als Teil des Zuhauses.

„Wir teilen dasselbe soziale Umfeld, aber unsere Nachbarschaftsbeziehungen werden nie mehr dieselben sein. Wenn Sie fragen, was sich seitdem verändert hat: Unsere alte Wohnsiedlung war voller grüner Straßen, einstöckiger Häuser mit Gärten. Blumen, die liebevoll gepflegt wurden, Efeu, der sich an die Wände schmiegte... Die Straßen waren Orte, an denen wir in dieser Zeit des globalen Klimawandels aufatmen konnten. Jedes Haus hatte einen Garten mit Bäumen, wir spielten im Schatten dieser Bäume und erholten uns dort.“

Die Person, von der dieses Zitat stammt, kann als einer der vergleichsweise besser gestellten Vertriebenen bezeichnet werden. Dafür gibt es drei Gründe: Er hatte offensichtlich die Möglichkeit, nach Nusaybin, seiner Heimatstadt, zurückzukehren. Er lebt in derselben Gegend und mit seinen alten Nachbarn zusammen. Auch wenn er jetzt in völlig anderen Gebäuden wohnt, nämlich in den sog. TOKI-Gebäuden (Toplu Konut İdaresi – Öffentliche Wohnungsbaugesellschaft), kann die Mehrheit der Vertriebenen nicht in ihrer alten Nachbarschaft und mit ihren alten Nachbarn leben. Ähnlich wie in dem oben genannten Zitat haben viele Vertriebene in dieser Studie angegeben, dass Gärten für sie der erste Ort sind, an dem sie nach ihrer Vertreibung mit dem homemaking beginnen.

Die soziale und politische Dimension von Obdachlosigkeit

Meine Studie hinterfragt die Bedeutung von Obdachlosigkeit und fragt, was es bedeutet, obdachlos zu sein und wieder ein Zuhause zu finden. Kann man obdachlos sein und sich obdachlos fühlen, selbst wenn man in dieselbe Nachbarschaft zurückkehrt, wie im obigen Zitat beschrieben? Welche unterschiedlichen Bedeutungen hat es, seine Heimat, seine Stadt oder sein Viertel zu verlassen? Welche Rolle spielen die Beziehungen im eigenen Zuhause und wie beeinflussen sich die Beziehungen und der Ort gegenseitig, wenn man bedenkt, dass ein Zuhause öffentliche Formen wie Nachbarschaft, Stadt, Heimat oder sogar den Planeten annehmen kann?

Um diese Fragen zu beantworten, verwende ich in meiner Forschung den Heimatort als theoretische Achse, indem die Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und privaten Heimatort betont wird. Ich habe mich nicht für diese Vorgehensweise entschieden, weil private und öffentliche Heimatorte (Nachbarschaft, Stadt, Heimatland) völlig voneinander getrennt sind. Vielmehr geht es darum, verschiedene Aspekte beider Bereiche aufzuzeigen, ohne die Wechselbeziehung zwischen beiden zu ignorieren. Um die Herausforderungen besser zu verstehen, die sowohl mit Obdachlosigkeit als auch mit dem homemaking verbunden sind, sollten diese beiden Themen getrennt betrachtet werden – und zwar ausgehend von den Erzählungen und Erinnerungen der Vertriebenen.

Forschungsansatz und regionale Vergleichsperspektiven

Neben diesem innovativen konzeptionellen Ansatz ist meine Studie eine der ersten, die sich mit der Vertreibung von schätzungsweise 350.000 bis 500.000 Menschen befasst, die im Jahr 2016 in der kurdischen Region der Türkei deren Obdachlosigkeit zur Folge hatte.

Basierend auf halbstrukturierten narrativen Interviews und unter Verwendung ethnografischer Methoden ergänzen sich die drei geographischen Schwerpunkte dieser Forschung – Sur, Nusaybin und Berlin – aus drei Gründen. Erstens habe ich zuvor fünf Jahre lang ethnografische Forschung und zwei Jahre lang Feldforschung in Sur betrieben. Meine früheren Veröffentlichungen zu bewaffneten Konflikten in Städten und Vertreibung in Sur dienen ebenfalls als Grundlage für mein aktuelles Forschungsprojekt. Zweitens erlebte Nusaybin ähnlich wie Sur in den Jahren 2015–2016 einen bewaffneten Konflikt in der Stadt und interne Vertreibung. Darüber hinaus beherbergt Nusaybin seinerseits Vertriebene mit unterschiedlichem ethnischem und religiösem Hintergrund (Araber und Jesiden), die vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Drittens blieben einige der Vertriebenen aus Sur und Nusaybin in diesen Städten oder deren Umland, während andere nach Deutschland (Berlin) zogen. Diese beiden Punkte eröffnen die Möglichkeit, Erfahrungen mit Obdachlosigkeit und homemaking zu vergleichen. Dabei geht es sowohl um private als auch um öffentliche Aspekte – und zwar für unterschiedliche Personengruppen, die sich in Geschlecht, Herkunft, sozialem Stand, Religion oder Generation unterscheiden, auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.

Meine Forschung vereint zwei Literaturbereiche: zum einen die Forschung zur Vertreibung, um den Verlust der Heimat/Obdachlosigkeit zu verstehen und einen historischen Kontext für die Studie zu schaffen, und zum anderen die Forschung zur Heimat, insbesondere aus den Disziplinen Philosophie, Geografie und Anthropologie. Unter anderem zeigt sie die Bedeutung von halbprivaten und halböffentlichen Orten wie Gärten für die Gestaltung des häuslichen Lebens nach der Vertreibung auf.

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