
Ob rebellische Piratin, treue Kapitänsfrau oder staunende Passagierin - Frauen an Bord neuzeitlicher Segelschiffe haben schon lange einen klischeebehafteten Platz in populären Medien. Was einst mit Reiseberichten und Flugschriften begann, hat in Filmen, Graphic-Novels und Computerspielen seine Fortsetzung gefunden. Doch was steckt hinter diesen Darstellungen?
In einem von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderten Projekt geht Simon Karstens dieser Frage nach und untersucht Frauen in der neuzeitlichen Seefahrt. In seiner Arbeit erforscht er unter anderem bekannte Persönlichkeiten, wie die Piratinnen Mary Read und Anne Bonny oder die naturwissenschaftlich tätige Jeanne Baret, die als erste Frau die Welt umrundete.
Die Untersuchung beschränkt sich jedoch nicht auf berühmte Frauen: Auch Kapitänsfrauen, die auf Handels- und Walfangschiffen oft über Jahre hinweg ihre Ehemänner begleiteten, gehören zu den Akteurinnen dieser maritimen Welt. Sie führten einen mobilen Haushalt und brachten allein unter Männern auf hoher See Kinder zu Welt. Auf einigen Kriegsschiffen, Schätzungen für die Royal Navy um 1800 gehen von ca. 15% aus, lebten Ehefrauen von Unteroffizieren, wie dem Segelmacher oder Zimmermann, mit an Bord. Sie schleppten Pulver in Seeschlachten oder kümmerten sich um Verwundete. Allerdings war ihre Anwesenheit von der Duldung des Kapitäns abhängig, denn offiziell hatten Frauen auf Kriegsschiffen nichts verloren. Solche Verbote waren sicherlich ein Grund, warum einige Frauen versuchten, als Männer verkleidet zur See zu fahren – eine zahlenmäßig kleine Gruppe, die aber besonders häufig Gegenstand medialer Berichterstattung war.
Diese allein oder in kleinen Gruppen an Bord befindlichen Frauen bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Hunderttausende Passagierinnen nutzten Schiffe als Transportmittel, deren Besatzung gut daran verdiente, Frauen an Bord zu haben. Nicht vergessen werden darf außerdem, dass weitere hunderttausende Frauen unter Zwang an Bord von Schiffen kamen. Versklavte und Strafgefangene auf dem Weg in die Deportation machten jeweils eigene, leidvollen Erfahrungen auf See.

Zwischen Ausschluss und Teilhabe
Gemeinsam ist allen Frauen, dass sie sich in einer sozialen Welt bewegten, in der sie in den Augen der Zeitgenossen Außenseiterinnen waren. Bei einer Analyse von Reiseberichten, Journalen, Briefen und Autobiographien zeigt sich, dass die Anwesenheit einer Frau in dem als männlich verstandenem sozialem Raum des Schiffes zu teilweise konfliktreichen Aushandlungsprozessen um zugängliche Räume oder erlaubte Tätigkeiten und Umgangsformen führte. Dies galt umso mehr, wenn ganze Gruppen von Frauen an Bord kamen oder wenn sie als zahlende Kundinnen Ansprüche stellten.
Davon ausgehend beleuchtet das Forschungsprojekt, wann und warum Frauen eigentlich an Bord von Schiffen waren und wie sie dort aßen, schliefen und arbeiteten. Waren sie von der Besatzung getrennt oder interagierten sie mit ihr und leisteten sie vielleicht einen Beitrag, der sie zu einem Teil der Bordgemeinschaft machte?
Das Schiff selbst ist allerdings nur einer der im Projekt untersuchten maritimen Räume. Wie in der Seefahrtsgeschichte üblich, werden der Bau und die Ausrüstung von Schiffen, die Abfertigung im Hafen oder auf Reede, die wirtschaftliche Organisation von Schiffsreisen und die Rekrutierung und Versorgung der Besatzung einbezogen. Weitet man den Blick auf diese Weise, geraten Hafen- und Küstengesellschaften in den Fokus: ganze Stadtviertel, die auf Ermöglichung und Unterstützung von Seefahrt ausgelegt waren, und in denen vor allem Frauen essenzielle Aufgaben erfüllten. Das Projekt bezieht diese maritimen Räume in ihrer Wechselwirkung mit Schiffen ein. Dies ist beispielsweise gut erkennbar, wenn Schiffe manchmal wochenlang vor der Küste vor Anker lagen. Zahlreiche Frauen kamen dann an Bord oder organisierten mit Booten die Versorgung für Seefahrer, die nur begrenzt Zugang zum Hafen hatten.
Frauen in männlich geprägten Räumen
Eine Untersuchung dieser historischen Akteurinnen muss nicht bei Null beginnen. Die Geschichtswissenschaft hat Frauen in maritimen Arbeits- und Lebenswelten seit den 1980er Jahren immer wieder untersucht. Studien haben gezeigt, wie sie als Investorinnen, Händlerinnen, Dienstleisterinnen, Arbeiterinnen oder Kapitänsfrauen an Bord wie in Häfen Beiträge zur Seefahrt leisteten. Die Ergebnisse dieser national, regional oder sogar lokal fokussierten und methodisch disparaten Arbeiten sind jedoch bisher kaum in Bezug zueinander gesetzt worden.

Hier setzt das Projekt mit einer doppelten Zielsetzung an: Es geht zum einen darum, eine Synthese der methodisch heterogenen französischen, amerikanischen, britischen, deutschen und niederländischen Forschung zu erstellen, wobei Frankreich und England den Schwerpunkt bilden; zum anderen wird mittels kleiner Fallstudien die Vergleichbarkeit bestimmter Forschungsergebnisse geprüft. Mit der Präsenz und Bedeutung historischer Akteurinnen in maritimen Räumen werden immer auch die dabei geschaffenen Geschlechterrollen untersucht. Hier knüpft die Studie an die neue Militärgeschichte an, die seit den 1990er Jahren Methoden etabliert hat, um die Konstruktionen und Wirkmacht historischer Geschlechterrollen in überwiegend von Männern geprägten sozialen Räumen zu verstehen.
Zeitlich fokussiert das Projekt die Jahre 1650-1850. Am Beginn stehen der Aufbau obrigkeitlicher Institutionen zur Normierung und Organisation von Kriegsmarinen sowie Verbesserungen in Navigation, Schiffbau und Versorgung, welche Seereisen häufiger und sicherer machten; das Ende markieren hingegen die steigende Bedeutung von Dampfschiffen, Tourismus und industrialisierten Arbeitsprozessen. So entsteht eine neue, andere Geschichte der Seefahrt, die Frauen als Akteurinnen vollumfänglich einbezieht und konsequent danach fragt, welche Rolle Geschlechterordnungen und -grenzen für die neuzeitliche Seefahrt hatten.
Das Projekt ist am DHI in Paris angesiedelt. Durchgeführt wird es von PD Dr. Jan Simon Karstens in Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern in verschiedenen europäischen Ländern.
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