Vergleich als Methode: Hodler und Strindberg im Spannungsfeld von Gemeinsamkeit und Differenz

Dr. Dennis Jelonnek

Vergleiche schärfen den Blick: Zwischen Strindberg und Hodler zeigen sich überraschende Parallelen in Motiven, Farben und Weltbildern. Doch wo Ähnlichkeiten ins Auge fallen, lauern auch Fallen der Interpretation. Was verrät uns der Vergleich – und wo führt er in die Irre? Das untersucht Dennis Jelonnek am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris.


Man stelle sich einen verdunkelten Hörsaal vor. Knarrende Holzklappsitze, ein Stehpult mit Leselampe, Doppelprojektion: Abbildung 1 und Abbildung 2, nebeneinander und in Farbe an die Wand geworfen. Zu sehen sind zwei Gemälde: das eine von August Strindberg (1849–1912), der heute eher für seine Bühnendramen als für Werke der bildenden Kunst bekannt ist, das andere vom Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853–1918). Eine typische Situation der kunstgeschichtlichen Lehre, in deren Rahmen sich die projizierten Bilder – Ansichten eines maritimen Küstenabschnitts und des Genfersees – aufgrund ihrer Ähnlichkeiten und Unterschiede zu einer vergleichenden Betrachtung fast schon aufdrängen. In beiden Fällen handelt es sich um komponierte Landschaften, abgeleitet aus der Naturbeobachtung des jeweiligen Künstlers. Auch die Farbigkeit ihrer Wiedergabe stärkt den Eindruck ihrer Nähe zueinander: satte Grüntöne für die Uferpartien, sowie reiche Abstufungen von Blau-, Weiß- und Gelbtönen zur Darstellung von Himmel, Wolken und Wasser bestimmen beide Bilder. Schließlich fällt auch eine vergleichbare, betont flächige Auffassung des jeweiligen Motivs ins Auge, sowie eine in spezifischer Weise betonte Pinselführung, durch die sich die Malerei den Betrachtenden als solche deutlich zu erkennen gibt.

Nähe und Distanz: Künstler im Vergleich

Auch die Schöpfer der beiden Gemälde weisen Gemeinsamkeiten auf. Sie werden bis heute in ihren Heimatländern als Nationalkünstler geschätzt, als Zeitgenossen liegen ihre Geburts- und Sterbedaten nicht allzu weit auseinander, ebenso wenig die Zeitpunkte der Vollendung der hier ausgewählten Gemälde. Die Bilder entstanden in den Jahren 1903 und 1904. Die Vergleichbarkeit der Darstellungen ergibt sich also auf zwei Ebenen. Einerseits ganz konventionell: Sie erlauben, übergeordnete Kriterien der Malerei heranzuziehen, um augenfällige Ähnlichkeiten festzustellen. Diese Ähnlichkeiten erzeugen ein Bewusstsein für die Unterschiede zwischen den Darstellungen, die in einem nächsten Schritt benannt werden können. Andererseits speist sich die Vergleichbarkeit aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Zeit, in der die beiden Künstler lebten und arbeiteten. Diese Nähe der Bilder und ihrer Autoren zueinander verleitet möglicherweise zu vorschnellen Schlüssen. Man könnte meinen, aus einer solchen vergleichenden Betrachtung Eigenarten einer ‚Landschaftsmalerei um 1900‘ ableiten zu können. Doch genau das ist problematisch:  Diese Zeit war in sämtlichen Künsten von der Heterogenität ihrer Tendenzen geprägt, nicht von einem typischen Stil oder einer eindeutigen Auffassung von Natur.

Vergleichen als Methode und Herausforderung

Die beiden Gemälde stehen beispielhaft für die grundlegende Problematik meiner Arbeit zum künstlerischen Werk der Zeitgenossen Ferdinand Hodler und August Strindberg um die Jahrhundertwende. Auf den ersten Blick wirken ihre Interessen, Motive und Weltanschauungen frappierend ähnlich. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass beide Künstler diese Gemeinsamkeiten auf ganz unterschiedliche Art und Weise in ihr künstlerisches Denken und Schaffen überführen - und entsprechend unterschiedlich für ihr Publikum sichtbar machen. Der Literat Strindberg und der Maler Hodler hatten kaum miteinander zu tun: sie kannten einander nicht persönlich, sie lebten an weit entfernten Orten und standen in keinem direkten Austausch. Hodler war vor allem Maler, der von Zeit zu Zeit Betrachtungen zur Kunst und deren Theorie schriftlich niederlegte, Strindberg hingegen war Schriftsteller, der ein schmales Oeuvre von Gemälden hinterließ; gerade aufgrund ihrer Unterschiede, wie auch durch das Vorhandensein einer Reihe von zufälligen Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen, erweisen sich die beiden als exemplarische Gegenstände für eine aufschlussreiche Zusammenschau. Indem man Vergleichbarkeiten und Unvergleichbarkeiten herausarbeitet, lässt sich ein differenzierteres Bild der jeweiligen Künstlerpersönlichkeit und ihres Schaffens skizzieren. Gerade vor dem Hintergrund einer anderen, aber ähnlich orientierten Position, entsteht so ein nuanciertes Bild des Schaffens des jeweiligen Künstlers, das sich aus der Einzelbetrachtung nicht ergäbe. Ausgangspunkt ist die Frage, welche unterschiedlichen Möglichkeiten Künstler:innen um die Wende zum 20. Jahrhundert nutzten, um das Verhältnis von Mensch und Natur in der bildenden Kunst zu erforschen und weiterzuentwickeln.

In einer solchen Konstellation, die von punktuellen Übereinstimmungen und offensichtlichen Differenzen geprägt ist, wird zwangsläufig der Vergleich selbst in seiner Struktur auffällig und zum Gegenstand der Untersuchung: das Vergleichen muss als Methode kritisch hinterfragt werden. Das eingangs beschriebene vergleichende Sehen, also der genaue Blick auf ausgewählte Werke der beiden Künstler, bildet einen wichtigen Teil des Vorhabens. Diese Gegenüberstellung sollte jedoch systematisch durch Vergleiche auf anderen Ebenen ergänzt werden. So lassen sich nicht nur neue Erkenntnisse gewinnen, sondern auch die Potentiale und Unzulänglichkeiten des Vergleichens selbst erkunden. Neben den Aufzeichnungen und Aussagen Hodlers und Strindbergs zur Kunstproduktion und -theorie ist auch ihr Verhältnis zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und den technischen Medien ihrer Zeit relevant.

Durch den Einfluss der zuvor genannten Aspekte formte und entwickelte sich ihr künstlerisches Vorgehen. Der zu Beginn imaginierte Hörsaal mit seinen Projektionen und deren vergleichende Betrachtung bildet also den virtuellen Ausgangspunkt, von dem aus sich eine tiefergehende wechselseitige Untersuchung entwickelt, die sowohl methodische Reflexionen anzustoßen, als auch neue Erkenntnisse zu den vielfältigen Werken Ferdinand Hodlers und August Strindbergs zu gewinnen verspricht.