
Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bildeten sich weltweit Migrations- und Ansiedlungspolitiken heraus, die im Kern noch heute Bestand haben. Jan Musekamp, stellvertretender Direktor am DHI Warschau, untersucht diese globalen Zusammenhänge anhand einer deutschsprachigen Gruppe aus der heutigen Ukraine, die sich im Baltikum, in Brasilien, Deutschland, Kanada und Sibirien ansiedelte.
Universitäten gehören zu den der ältesten Institutionen Europas und waren seit dem Mittelalter von der geografischen und sozialen Mobilität ihrer Mitglieder geprägt. Dr. Pauline Spychala untersucht die Lebensbedingungen ausländischer Gelehrter an französischen Universitäten im Spätmittelalter. Im Fokus stehen Herausforderungen wie die Trennung vom familiären Umfeld, der Erwerb fremdsprachlicher Kompetenzen, soziale Spannungen mit anderen Gruppen und die materielle Lebenssituation. Zur Transkription ihres umfangreichen Quellenkorpus setzt sie automatisierte Texterkennung ein.


Die sozialistische Integration Osteuropas wird im Nachhinein oft als gescheitert betrachtet – doch was bedeutete sie für Zeitgenoss*innen? Besonders zwischen der DDR und Polen gab es komplexe wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtungen. Der Zoll spielte dabei eine zentrale Rolle: Er kontrollierte, regulierte und beeinflusste den Austausch zwischen beiden Ländern maßgeblich. Andrew Tompkins untersucht am DHI Warschau die transnationale Zusammenarbeit der Zollbehörden und beleuchtet, wie sie die „sozialistische Integration“ mitgestalteten – und wo ihre Grenzen lagen.
Irlands „Krieg der Freunde“ und Polens revolutionäre Kämpfe auf dem Weg zur Unabhängigkeit waren geprägt von Helden wie Michael Collins, Eamon de Valera, Józef Piłsudski und Roman Dmowski. Hinter diesen Architekten der Unabhängigkeit wirkten Netzwerke, die mit knappen Ressourcen und drängender Zeit rangen – manchmal mit radikalen Konsequenzen. Was geschah, wenn die Geduld schwand, und die Uhr zu ticken schien? Und wie weit gingen einige, um den Traum von Freiheit wahr werden zu lassen? Das untersucht Michael Zok in seinem aktuellen Forschungsprojekt am DHI Warschau.


Dampfschiffe fahren bis Spitzbergen, Touristenvereine werben mit unberührter Natur und die ersten grenzüberschreitenden Werbekampagnen entstehen. Wie sich der Tourismus in den skandinavischen Ländern in der Zwischenkriegszeit entwickelte und welche politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Debatten dieser Prozess zur Folge hatte, untersucht Dr. Sophie Holm vom MWN Osteuropa.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts migrierten tausende Chinesen nach Lateinamerika. Dieser Einwanderung ging die Verbreitung eines Narratives voraus: Den chinesischen Migranten sollte Zugang zu den südamerikanischen Ländern gewährt werden, damit sie die infrastrukturelle und landwirtschaftliche Entwicklung vorantrieben. Nino Vallen vom DHI Washington untersucht, zu welchen Zwecken solche Narrative über chinesische Arbeiter in Peru und Ecuador verbreitet wurden, wie sie mit Ideen von Modernisierung und Entwicklung verzahnt waren und wie die Gegner dieses Migrationsprojekts mit ihren eigenen Gegenerzählungen reagierten.


Die intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts scheint im Wesentlichen vom Einfluss männlicher Intellektueller geprägt zu sein. Diesen Eindruck erzeugen die Archivbestände dieser Zeit, in denen weibliche Wissenschaftlerinnen kaum Erwähnung finden. Am Beispiel der Sozialforscherin Hilda Weiss zeichnet Emily Steinhauer den langen Weg weiblicher Intellektueller zur öffentlichen Sichtbarkeit und ihre Rolle in der intellektuellen Wissenserzeugung nach.
Obwohl Europa zur Zeit des Kalten Krieges von der Spaltung in Ost und West geprägt war, hat es auf künstlerischer Ebene stets Berührungspunkte und Begegnungen gegeben. Diese fanden sowohl unmittelbar zwischen Kunstschaffenden als auch mittelbar durch Briefwechsel, Ausstellungen oder Lektüren statt. Mathilde Arnoux untersucht, wie diese Begegnungserfahrungen dazu beitragen, die Dichotomien des Kalten Krieges zu hinterfragen.

Weiter zum nächsten Thema: „Ungleichheit und soziale Kohäsion“